Im Juni 2025 fand das virtuelle Vernetzungstreffen der Förderbekanntmachung „Nähe über Distanz“ (NäDi) des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) statt.
Im Zentrum der Online-Veranstaltung standen zwei Schwerpunkte, die für die Forschungsprojekte von besonderem Interesse sind: Zum einen das Thema Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung und thematische Kontrastfolie zu technologisch unterstützter Verbundenheit. Zum anderen die Frage, wie der Transfer wissenschaftlicher Projektideen in die praktische Anwendung gelingen kann. Zu beiden Themen waren externe Expertinnen und Experten eingeladen, um neue Perspektiven in die laufende Forschungsarbeit einzubringen.
Emotionale Nähe statt effizienter Kommunikation
Zum Einstieg gab Prof. Dr. Marc Hassenzahl von der Universität Siegen, der das Begleitprojekt VEREINT koordiniert, einen Impuls, in dem er zunächst das sogenannte „Einsamkeits-Paradoxon“ erklärte. Es besagt, dass sich Menschen trotz der vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten, die Smartphones und das Internet im Allgemeinen bereithalten, oftmals einsamer fühlen als zu Zeiten, in denen die Technologie noch nicht so weit fortgeschritten war. Statt zu erforschen, wie Kommunikation noch effizienter gestaltet werden kann, entwickeln die NäDi-Projekte Technologien, die echte emotionale Nähe unterstützen sollen. Dabei spielen Aspekte wie Individualität, Autonomie und eine ethisch verantwortliche Gestaltung eine ebenso große Rolle wie die Frage, wie technische Lösungen sensibel in bestehende Beziehungsformen eingebettet werden können.
Interaktive Technologien zur Schaffung emotionaler Nähe
In den anschließenden Projektpräsentationen wurde deutlich, wie unterschiedlich dieser Anspruch umgesetzt werden kann:
Das Projekt GROOVE setzt beispielsweise auf das Konzept des „Social Entrainment“ – also auf die Stärkung emotionaler Verbundenheit durch synchrone Bewegung. In einer VR-Umgebung ermöglichen speziell entwickelte Aktivitäten – wie etwa eine gemeinsame Kanufahrt –, dass Nutzende trotz räumlicher Trennung Synchronizität erleben können. Bei der Entwicklung wurde gezielt auf altersübergreifende Nutzbarkeit, intuitive Bedienung und die Reduzierung von Verzögerungen der Übertragungszeit geachtet. Eine Langzeitstudie soll nun die Wirksamkeit im Alltag erproben.
Das Projekt bitplush wiederum verfolgt einen haptisch-emotionalen Ansatz: Weiche, interaktive Plüschobjekte mit eingebetteten Sensoren und Aktuatoren ermöglichen den Austausch von Berührungen, Lichtimpulsen und Formveränderungen zwischen räumlich getrennten Personen. In Co-Design-Workshops wurden vielfältige Interaktionsformen entwickelt, etwa vibrierende Kissen oder farbwechselnde Vogelpaare. Auch der Transfer ist mitgedacht: Erste Partnerschaften mit Herstellenden und ein DIY-Ansatz sollen die Verbreitung im Alltag erleichtern.
Das Projekt HILDE hingegen widmet sich gezielt älteren und kognitiv eingeschränkten Menschen. Über greifbare Erinnerungsobjekte, die mit persönlichen Nachrichten verknüpft sind, wird ein niedrigschwelliger Zugang zu digitaler Kommunikation geschaffen. Die partizipative Entwicklung stellt dabei sicher, dass die Technik intuitiv bedienbar und alltagstauglich ist. Das Projekt betont zudem Interoperabilität und Zusammenarbeit mit Pflegekräften, um eine nachhaltige Integration in Betreuungskontexte zu ermöglichen.
Weitere Informationen zu allen NäDi-Projekten finden Sie hier.
Die Überwindung von Einsamkeit
In vier Kurzbeiträgen zum Thema Einsamkeit wurden unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Politik zusammengeführt:
Dr. Susanne Bücker von der Universität Witten/Herdecke betonte die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen chronischer Einsamkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg aus psychologischer Sicht. Sie plädierte für eine Enttabuisierung des Themas, da Einsamkeit kein persönliches Versagen sei, sondern ein Signal eines unerfüllten sozialen Grundbedürfnisses. Ihre zentrale Botschaft: Nur wenn wir über Einsamkeit offen sprechen, können wir strukturelle Lösungen entwickeln.
Martin Gibson-Kunze vom Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) stellte aktuelle Daten des Einsamkeitsbarometers der Bundesregierung Diese zeigen, dass Einsamkeit alle Altersgruppen betrifft – besonders jedoch junge Erwachsene. Gleichzeitig gibt es aber nur wenige Maßnahmen, die auf spezifische Zielgruppen wie „queere“ Menschen oder Menschen mit Behinderung oder Armutserfahrung zugeschnitten sind. Er rief zu einer besseren Ausrichtung bestehender Angebote auf diese diverseren Bedarfe auf.
Sebastian Bech von der Koordinationsstelle für innovative Wohn- und Pflegeformen im Alter und für Menschen mit Assistenzbedarf (KIWA) brachte die Praxisperspektive ein. Er zeigte anhand von innovativen Wohn- und Pflegekonzepten in Schleswig-Holstein, wie gemeinschaftliches Wohnen Einsamkeit präventiv entgegenwirken kann. Besonders deutlich wurde, dass strukturelle Rahmenbedingungen wie Partizipation, flexible Betreuungsmodelle und gemeinschaftlich gestaltete Alltagsräume entscheidend für soziale Teilhabe im Alter sind.
Theresa Adams vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) stellte die Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit Diese verfolge unter anderem eine Enttabuisierung des Themas, den Wissensaufbau und die Stärkung der Forschung und ein Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Frau Adams hob hervor, dass der Fokus bisher stark auf analoger Begegnung liegt und digitale Technologien zur Förderung von Verbundenheit noch unterrepräsentiert seien. Sie plädierte dafür, die Erkenntnisse aus Projekten wie „Nähe über Distanz“ stärker in die politische Strategiearbeit und Maßnahmenplanung einzubinden – etwa über eine geplante „Allianz gegen Einsamkeit“.
Keynote zum Thema Transfer
Während die Beiträge zum Thema Einsamkeit die gesellschaftliche Relevanz und die politischen Handlungsbedarfe deutlich machten, rückte die anschließende Keynote von Dr. Dirk Kautz vom Projektträger VDI/VDE-IT die für die Projekte wesentliche Frage in den Fokus: Wie lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen so in die Praxis überführen, dass sie langfristig gesellschaftliche Wirkung entfalten? Transfer gelinge nicht von selbst – er müsse früh geplant und aktiv gestaltet werden. Kautz plädierte dafür, bereits während der Projektlaufzeit die Weichen zu stellen: Durch klare Verantwortlichkeiten, ein belastbares Transferkonzept und den Aufbau tragfähiger Netzwerke. Wege in die Praxis sieht er etwa in der Verwertung durch Projektpartnerinnen und -partner, in Ausgründungen, Lizenzmodellen oder Anschlussförderungen. Entscheidend sei, rechtliche Fragen wie Datenschutz und Urheberrechte zu klären, technische Wartung und Schnittstellen mitzudenken und die gesellschaftliche Akzeptanz im Blick zu behalten. Erfolgreicher Transfer brauche ein starkes Narrativ, belastbare Evidenz, Nähe zu den Nutzenden und eine engagierte Kommunikation. Nur, wenn das gesamte Team den Prozess aktiv mittrage, entstünden nachhaltige Lösungen mit Wirkung.
Die Abschlussveranstaltung zur Förderbekanntmachung NäDi findet am 29. Januar 2026 in München statt.